Schnee ist kalt. Über die Notwendigkeit, theoretisches Wissen in der Praxis zu überprüfen.

Dieser Text erschien im Jänner 2012 in Downdays.

Im vergangenen Herbst haben sich gläubige und ungläubige Wintersportenthusiasten an Frau Holle gewandt. „Möge sie uns reichlich und vor allem aber jetzt sofort mit jenem weißen Gold segnen, auf das wir alle seit viel zu langer Zeit inbrünstig warten und ohne dem das Leben nur halb so schön wäre. Amen.“ So klang das Gebet.

Denn wir sind bereit für den Winter. Wir sind bereit für die Lawine. Soll sie nur kommen. Wir haben uns in zahlreichen Foren ausgetauscht, wortgewandt unser Wissen demonstriert und alle Neuerscheinungen zum Thema ‚Alpine Sicherheit’ auf Amazon gekauft und gelesen. Wir wissen, wie wir mit dem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) umgehen, wir haben uns schlau gemacht wie ein Schneeprofil anzulegen ist, wir kennen die Wetterkarten und können ohne  Nachdenken die Merkmale einer Nordstaulage nennen. Wenn wir eine Verkehrsampel sehen, denken wir an Stop or Go und alle verwandten Risikomanagementstrategien. Wir sind soweit, Winter!

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Im Bild: Der Winter.

In diesem Text soll erklärt werden, dass neben dem erworbenen theoretischen Wissen die regelmäßige Praxis eine unverzichtbare Rolle spielt. Und wenn hier steht: „erklärt“, dann ist natürlich „verlangt“ gemeint.

Warum? Weil: Der Schnee ist ein Hund!

Schnee ist also ein Geschenk Frau Holles, eines das die Landschaft weihnachtlich schmückt, Kinderaugen zum Leuchten bringt und die Herzen aller Freerider und Skitourengeher höher schlagen lässt. Der Schnee ist ein Guter, soviel ist klar.
Hier soll nun aber nicht vergessen werden, dass Frau Holle auch ihre ungeliebte Dienstmagd mit Pech übergossen hat. So verhält es sich auch mit dem Schnee. Der Schnee kann nämlich auch ein (im besten Falle) mühsames und (im schlechtesten Falle) tödliches Element sein. Um die Eigenschaften von Schnee zu verstehen und darauf zu reagieren, bedarf es praktischer Erfahrung.

Beispiele? Gerne!

1. In wirklich tiefem Schnee zu Fuß steil aufsteigen. Dauert ewig und drei Tag’ und kostet doppelt soviel Energie wie man aufbringen kann.
2. Faulschnee. Wer wirklich einmal bis zum Oberschenkel in Faulschnee gestanden ist wird dieses Gefühl der absoluten Hilflosigkeit – gepaart mit wachsender Panik – niemals vergessen.
3. Schneeschaufeln. Lawinenschnee schaufeln. Bis zur totalen Erschöpfung. Weil das Leben Anderer davon abhängt.

Wenn ich jetzt nicht reagiere, dann wird dieser Tag nicht gut zu Ende gehen.

Ganz ähnlich verhält es sich auch bei Übungen zur Kameradenrettung bei Lawinenunfällen. Gut und richtig ist zwar, dass man sich zuvor mit den theoretischen Aspekten der Suche auseinandersetzt. Doch dann muss man sich zugleich mit brutalem Ernst die Frage stellen: Wie gut kann ich mein Wissen in der Praxis einsetzen?

1. Finde ich überhaupt ein Signal?
2. Kann ich Mehrfachverschüttungen lösen?
3. Verwende ich die Sonde richtig, oder gleicht das eher einem Herumstochern im Schnee?
4. Schaufle ich überhaupt richtig?
5. Was mache ich mit dem Verschütteten, wenn ich ihn freigelegt habe?

Diese (und ähnliche) Fragen müssen positiv beantwortet werden können.

Nimmer weit.

Nimmer weit.

Lawinensuchübungen müssen so realitätsnah wie möglich angelegt werden, sonst bringen sie im Ernstfall wenig. Das betrifft sowohl kleine Übungen im Freundeskreis wie auch öffentlichkeitswirksam durchgeführte LVS Trainings – zum Beispiel im Rahmen der Freeride World Tour. Im konkreten Fall kritisiert Liz Kristoferitsch, Freeride Vizeweltmeisterin 2011, in einem Gespräch die „Wichtelhaftigkeit der medial dargestellten LVS Übung bei der Freeride World Tour, bei der die Athleten vor den Kameras eine LVS Suche demonstrieren, die mit der Wirklichkeit nichts gemein hat.“ VS Geräte wurden ein paar Zentimeter unterm Schnee verbuddelt, und ein grobes „Hier liegt es!“ wurde als Fund gewertet. Sollte dem so gewesen sein, sind das eindeutig die falschen Signale (Wortspiel!), die hier ausgesandt wurden.

Hoffentlich tritt der Fall nie ein, dass das Leben Anderer vom eigenen Einsatz abhängt. Dennoch kann es bekanntlich schneller als gedacht und vor allem meistens überraschender als erwartet passieren. Auf den psychischen Stress kann man sich schwerlich vorbereiten, aber wenn langsam und grauenhaft die Erkenntnis „Entweder tu’ ich jetzt sofort das Richtige oder meine Freunde sind tot“ dräut, ist praktische Erfahrung lebensrettend. Ausreden gelten da einfach nicht mehr, weil sie vielleicht von niemandem mehr gehört werden.

Üben, Leute! Kostet wenig, bringt viel, macht Spaß

Schulungen, wie man mit Schnee und LVS umgeht, kosten wenig, und werden flächendeckend von Herstellern, Event Veranstaltern und kommerziellen  Unternehmen angeboten. Das Fischer Freeride Team, im speziellen Teamrider Melissa Presslaber und Oliver Andorfer haben beispielsweise in Österreich, Deutschland und der Schweiz gratis Lawinenschulungen durchgeführt. Primär um die Wichtigkeit der Praxiserfahrung als Ergänzung zu theoretischem Wissen zu betonen, aber auch um zu zeigen, dass Firmen ihren Kunden mehr als nur Lifestyle vermitteln wollen.

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