Der Frühwinter ist ein Hund

Diesen Winter dürfen wir für die großartigen Downdays einige Kolumnen zum Thema ‚Winter und Wie dieser Winter nicht dein letzter wird‘ (inoffizieller Arbeitstitel) schreiben. Der erste Text erschien vor ein paar Wochen, hier findet er nun auch online eine Öffentlichkeit: Warum der Frühwinter ein Hund ist.

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Der Umkehrschluß, dass der Hund ein Frühwinter sei, gilt übrigens nicht. Im Bild: Oskar

Zu Saisonbeginn zeigt der Winter oft sein hässlichstes Gesicht. Hier ein paar Überlegungen über die Gefahren des Frühwinters und wie ihnen aus dem Weg gegangen werden kann. Und warum der Herbst trotzdem die schönste Zeit des Jahres ist.

Es ist eine schöne Zeit. Der Nebel hängt im Tal, die Tage werden kürzer, die Nächte kühler, die Getränke wärmer. Branchenmagazine berichten entweder begeistert oder kritisch von den Veranstaltungen, die jedes Wochenende jeden Gletscher heimsuchen. Es ist die schönste Zeit des Jahres. Es ist Herbst.

Gerade für Skifahrer, die eher (das heißt ausschließlich) abseits der Piste unterwegs sind, birgt die Zeit vor dem richtigen Winterbeginn und den normalerweise ersten starken Schneefällen im Dezember eine erkleckliche Anzahl an Gefahren, die beachtet werden sollten.

Was kann uns also die Vorfreude auf die ersten Tage im Schnee trüben?

Folgendes.

Im Herbst dominiert oft Inversionslage – grausiges Wetter im Tal, strahlender Sonnenschein auf den Bergen. Meist ist die Schneedecke dürftig, und nach niederschlagsfreien und windigen Perioden bildet sich ein Harschdeckel. Ein Harschdeckel ist eine von Wind und Wetter komprimierte Schicht, die alles was darunter liegt, abschließt. Außerdem spielt Harsch in den Fantasien fanatischer Freeskier selten eine große Rolle.
Im Schnee ist kalte Luft eingeschlossen. Nun wandelt sich der Schnee unter der Harschschicht in seiner Struktur um und hat soviel Bindung wie ein Sack Murmeln. Für uns bedeutet das, dass wir, wenn wir solche Schneedecken stören, gerade bei geringer Schneemächtigkeit Lawinen auslösen können. Die Gefahr einer solchen Lawine liegt seltener in einer Verschüttung (wenngleich das natürlich niemals ausgeschlossen werden kann) als in einem Absturz. Ein Absturz kann schon ein schmerzhaftes und selten verletzungsfreies Mitrutschen über Felsen sein.

Zur Auflockerung wieder: Oskar

Zur Auflockerung wieder: Oskar

Es gilt als universelles Gesetz, dass Schnee alles ansehnlicher macht. Schnee nimmt der Natur die Ecken und Kanten und verbreitet jeden Winter Schönheit und Ruhe.
Im Frühwinter verdeckt der Schnee die gerade in höheren Lagen sehr gefährlichen Stein- und Felsformationen nur oberflächlich. Solche Sharks stellen eine signifikante Gefahrenquelle dar, weil es fast unmöglich ist, ihre Position vorherzusagen – meist findet man sie erst wenn es zu spät ist. Leider passiert es viel zu oft, dass sich motivierte Freerider zu Saisonbeginn an nur leicht eingeschneiten Felsen schwer verletzen. Vor allem Geländeunkundige sollten sich genau überlegen, welche Linie sie fahren, wenn sie nicht hundertprozentig über die Schneelage Bescheid wissen. Im besten Fall ist das Sportgerät kaputt, im schlechtesten Fall der Körper.

Eine weitere giftige Gefahr des Frühwinters betrifft Gletschergebiete, wir sprechen logischerweise von Gletscherspalten. Wo und wann Risse im Gletschereis auftauchen folgt gewissen Regeln – vor allem Übergänge in der Gletscherfom sind besonders gefährlich. Spaltenreiche Bereiche sind auch in Karten gekennzeichnet. Generell gilt es besonders nach den ersten Schneefällen aufzupassen, wenn Spalten verborgen aber nicht zugeschneit sind. Am Besten ist, unbekannten Zonen fernzubleiben, auch wenn Spuren durchführen.

Hier ein paar allgemein gehaltene Tipps für den Frühwinter: Defensiv fahren. Eher in Mulden bleiben. Felsenhupfen überdenken. Bei Unklarheiten einheimische Geländekundige über die genaue Schneelage befragen. Bei Touren sobald es die geringe Schneelage erlaubt auf Grasberge ausweichen.

Neben den geologischen und klimatischen Punkten ist ein nicht unwichtiger Aspekt des Saisonbeginns das soziale Umfeld. Das ist wahrscheinlich die schwierigste Herausforderung des Frühwinters. Zum einen platzt man vor Motivation sobald man das erste Mal in der Saison Gletscherluft geschnüffelt hat, zum andern ist es meistens gesünder, gerade jetzt die Zen-buddhistische Gelassenheit eines erfahrenen Kiffers an den Tag zu legen. Warum? Erstens sind die ersten Schneetage des Winters naturgemäß am Gletscher, und ebenso naturgemäß wohnst du nicht am Gletscher. Der Körper ist um diese Jahreszeit die Höhe wahrscheinlich einfach nicht gewohnt und ermüdet dementsprechend schneller. Außerdem sind wintersportspezifische Bewegungsmuster über den Sommer ein wenig eingerostet.
Zweitens betrifft das nicht nur dich, sondern die meisten Menschen da oben. Viele übermotivierte, eventuell von der Höhe überforderte Menschen. Tiefstehende Sonne. Und Alkohol. Verglichen mit der Liftschlange jeder Gletschergondel im Herbst ist ein Moshpit ein Workshop für Ausdruckstanz.

Tipp für Punkt 3. Körperlich vorbereitet in die Saison gehen. Auf der Piste gut einfahren und auch einmal ein Technikprogramm einschieben. Nicht stressen lassen. Müsliriegel und Wasser dabeihaben. Bier nachher umso mehr genießen.

(No animals got hurt, one dog got confused during the making of this text.)

 

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1 Reply zu "Der Frühwinter ist ein Hund"