Schnee!

Downdays hat in der zweiten Ausgabe des Winters 15/16 diesen Text schon Ende November gebracht, in der Annahme, er wäre anlaßbezogen. Heute wissen wir, der Schnee ist erst nach Jahreswechsel gekommen. Daher erst jetzt ein paar Worte über Schnee, geschrieben von einem Chionophilen.

chionophile

Ein Artikel über Schnee – noch dazu ein relativ kurzer – ist ungefähr so außergewöhnlich wie lautstarkes Beschweren, dass die fetten Skienden nicht in die Gondel passen. Aber anders als dem nervigen Skitransport gehört dem Schnee meine uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit, und das schon seit Jahrzehnten. Daher hier der gewöhnliche Versuch einer oberflächlich gehaltenen Überlegung, was man als Freeskier über Schnee und seine Eigenschaften wissen muss.

Wie entsteht Schnee?

Wikipedia, wieder mal: “Schnee entsteht, wenn sich in den Wolken feinste Tröpfchen unterkühlten Wassers an Kristallisationskeimen (zum Beispiel Staubteilchen) anlagern und dort gefrieren.”

Schnee besteht aus vielen kleinen Eiskristallen, die meist stark verzweigt sind. Die Kristalle haben eine sechseckige Plättchen- oder Sternform. Schneeflocken sind keine gefrorenen Wassertropfen, sondern bilden sich in einer Kette von physikalischen Prozessen. Können Schneeflocken auch fünf- oder achtzackig sein? Nein. Gibt es zwei Schneeflocken, die gleich aussehen? Die Wahrscheinlichkeit schreit auch hier “Nein.” Sind Schneekristalle in ihrer ursprünglichen Form komplett symmetrisch und perfekt? Ebenfalls Nein.

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Imperfect perfection. (Snowflake Bentley)

Die Schneedecke, Schönmacher der Natur

Liegt der Schnee erst mal am Boden und deckt die Unschönheiten/Unregelmäßigkeiten der Natur gnädig zu wird er für uns relevant. Dass es unterschiedliche Schneekonsistenz gibt, die sich noch dazu schnell ändern kann, ist jedem, der schon einmal mit der Zunge Schneeflocken gefangen hat, bekannt. Aber welche Einflüsse ändern den Schnee und wie betreffen sie uns als Freeskier?

  1. Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Bindet den Schnee und setzt die Schneedecke. Je nach Ausmaß der Feuchtigkeit und Temperatur kann der Schnee nun schneller werden oder bremsen.
  2. Wind. Bindet den Schnee und macht ihn in Kombination mit Kälte spröde, bremst wenn Schneekristalle brechen und scharfkantiger werden.
  3. Die Schwerkraft. Zieht den Schnee und dich nach unten.

Schnee ist in einem Zustand permanenter Veränderung. Auch wenn er scheinbar still daliegt und Postkartenmotiv spielt, laufen in der Schneedecke umsetzende Prozesse ab, die die Konsistenz verändern. Zum einen folgt auch Schnee den Gesetzen der Schwerkraft und kriecht immer talwärts. (Daher werden Geländeformen bei größeren Schneemassen flacher.) Und zum anderen kann durch Umwelteinflüsse zum Beispiel aus einem relativ sicheren Hang in kurzer Zeit ein gefährliches Abenteuer werden.

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Truer words were never spoken.

Wann ist die Schneedecke gefährlich?

Wie in so vielen Bereichen des Lebens sind Extremzustände nicht unbedingt das Entspannendste. So ist es natürlich auch beim Schneedeckenaufbau.

Zweierlei dazu: Erstens sind extreme Unterschiede in der Schneedecke ein Gefahrenzeichen. Zum Beispiel Temperaturunterschiede, aber natürlich auch und vor allem Unterschiede in der Konsistenz. Daraus ergibt sich nicht ein homogener Snowpack, sondern eine Überlagerung vieler verschiedener Schichten mit unterschiedlicher Festigkeit, Bindung, Dichte undsoweiter. Je mannigfacher sie sind, desto häufiger kann es Schichten geben, die ungut miteinander verbunden sind oder als Gleitschicht fungieren können. Die Schneedecke ist lawinengefährlich, und gerade im Frühwinter finden wir solche Eigenschaften. Temperaturunterschiede zwischen Luft und Untergrund sind groß, die Schneemächtigkeit gering. Wird ein Hang allerdings den Winter über regelmäßig befahren, so zerstört das Gleitschichten und die Lawinenwahrscheinlichkeit sinkt. Wichtig bei diesem Phänomen ist, dass das Gelände wirklich über einen längeren Zeitraum und nach allen Niederschlagsperioden befahren wird. Zu Tragen kommt dieser positive Effekt dadurch erst später in der Saison, und der Frühwinter bleibt eine nicht zu unterschätzende Zeit für Lawinengefahr.

Und den zweiten Extremzustand finden wir normalerweise im Frühjahr, wenn Sister Sonne ihr Werkzeug auspackt, die Schneedecke bearbeitet und Spielverderberin spielt, weil sie Hänge gefährlich macht. Je später der Winter, desto größer ist der Einfluss der Sonne und desto unterschiedlicher ist die Schneequalität in verschiedenen Expositionen, Hangneigungen und Höhenlagen. Während man im schattigen Norden noch Pulver findet, kann in Südhängen die Schneedecke durch Sonneneinstrahlung bereits komplett durchfeuchtet sein. (Südliche Hemisphäre? Andersrum.)

Eine solche Schneedecke weist zwar keine unterschiedlichen Schichten mehr auf, ist als gesamtes allerdings instabil und in ihrer Masse – wenn einmal in Bewegung – ein gnadenloser Frachtzug, der ziemlich alles und jedes wegräumt, das im Weg herumliegt. Es existieren genug Videos, die zeigen wie Nassschneelawinen Sessellifte, Verkehrswege oder ganze Dörfer annihilieren.

Da sich Schnee im Zustand einer ständigen Metamorphose befindet, bleibt er für uns jeden Tag spannend. Sich mit oder im Schnee spielen bringt Erfahrung und Wissen über die verschiedenen Formen und erlaubt außerdem, Sinnsprüche über die Vergänglichkeit von Schneekristallen zu formulieren. Wer’s mag.

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Über den Autor

Stephan Skrobar ist staatlich geprüfter Skilehrer und Skiführer, fährt im Fischer Freeski Team, ist Alpinausbildner für den steirischen Skilehrerverband, Team Manager des Pieps Freeride Teams und Leiter vom ‘Die Bergstation Freeride & Alpin Center’. Stephan betreibt auch eine Kommunikationsagentur und liebt gepflegten Punkrock. Beide (Stephan und Punkrock) sind nicht immer ernst zu nehmen.

 

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