Skitouren – Es ist nicht immer nur die Lawine

skitourengehen

Funfact Skitourengehen: Es ist die schönste Art, den Winter zu erleben.

Viele Wintersportbegeisterte spielen mit dem Gedanken, dieses Skitourengehen, von dem alle schwärmen, einmal auszuprobieren. Klingt ja faszinierend. Allerdings ist da die stets präsente Gefahr, von der Lawine frühzeitig aus dem Leben gerissen zu werden. Das berichten jedenfalls viele Medien und die Arbeitskollegen, die auch schon einmal davon gehört haben, dass der Bekannte einer entfernten Bekannten angeblich den weißen Tod gestorben sei. Also lieber nicht. Man weiß ja nie.

Nun soll dieser Text zunächst mit dieser Fehleinschätzung aufräumen. Lawinen sind ein wichtiger Faktor bei Skitouren und beim Freeriden, das ist unbestritten, doch sind vor allem Einsteiger und Einsteigerinnen meist in lawinensicherem Gebiet (so etwas gibt es) unterwegs. Und außerdem soll dieser Artikel die Aufmerksamkeit mehr auf andere Gefahrenquellen beim Skitourengehen lenken. Also die Übermacht der ‚Angst vor der Lawine‘ durch Fokus auf andere Risiken abschwächen und so die Unsicherheit vor dem Skitourengehen nehmen.

Klingt wie ein unmögliches Unterfangen, aber probieren wir es einmal.

 

Der Winter 2018/19

Der vergangene Winter war in vielen Belangen ein außergewöhnlicher. Die extremen Schneefälle der ersten Jännerhälfte haben zwei Dinge ausgelöst. Zum einen sind die Medien in eine Art hyperventilierende Schnappatmung verfallen, die mit der Realität des Alltags in einer sehr schneereichen Region des Landes wenig zu tun hat (der Autor dieses Textes lebt in einer der scheereichsten Regionen des Landes), und zweitens haben sie eine Reihe anderer Gefahren beim Tourengehen verstärkt.

 

Lockerschneemassen und Treewells – Hohlräume im lichten Wald

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Danyo und sein Snowboard vor den Treewells. (Motherland Camp 2012, Tauplitz)

Anfang des Jahres ist in der Steiermark ein Lehrer wenige Meter neben der Piste und vor den Augen seiner Schülerinnen im Lockerschnee erstickt. Er ist ganz banal über den Pistenrand hinaus über eine Böschung geschlittert, wurde vom nachrutschenden Lockerschnee begraben und konnte sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. Diese unglaubliche Tragödie zeigt eine der größten Gefahren, die vor allem in Perioden starken Niederschlags auftreten. Bei heftigem Schneefall bleiben Skitourengeherinnen und Freerider oft in leicht bewaldetem und mäßig steilem Gelände – vor allem auch wegen schlechter Sicht im baumfreien Gebiet. Und besonders um Nadelbäume bilden sich oft metertiefe Hohlräume – sogenannte Treewells („Baumbrunnen“), lautlose Fallen aus denen man sich nicht mehr befreien kann, zumal Ski oder Snowboard oft als zusätzliche Anker wirken.

 

Absturz

Luis Trenker

Luis schaut. (Foto: Ernst Baumann)

Die Absturzgefahr war im schneereichen Winter nicht größer oder kleiner als sonst. Sie gilt als oft vom Wetter unabhängige Gefahr, die beim Bewegen in den Bergen naturgemäß gegeben ist. Viele Menschen stellen sich unter Absturz ein Trenkereskes, dramatisches Herabstürzen über eine mehrere tausend Meter hohe Nordwand vor, begleitet von gutturalem Schrei und entsetztem Blick der zumeist weiblichen Beobachterin. Oft bedeutet ein Absturz beim Skitourengehen allerdings ein Abrutschen über wenige (oder mehrere) Meter felsiges Gelände, das ungute Verletzungen nach sich zieht. Tatsächlich tritt dieses Gefahrenmuster gar nicht so selten auf, weil einige Faktoren mitspielen. Zum einen die Schneebedingungen (wenig Schnee und harte Schneedeckenoberfläche sind besonders brisant), zum anderen ist vor allem beim Aufstieg der Halt am Ski durch die Fersenfreiheit der Bindung reduziert. Bei der Abfahrt verstärkt fehlende Technik und Selbstüberschätzung diese Gefahr.

 

Verirren

 Fischer Transalp Nebel

Fischer Transalp 2018 (Foto: Max Kroneck/Fischer)

Bei starkem Schneefall oder einfallendem Nebel einfach verschwinden. Auch diese Gefahr war im niederschlagsreichen #Powstria des vergangenen Jänners größer als sonst. Wer gemeinsam in Skigebietsnähe unterwegs ist, und bei schlechter Sicht bei der Abfahrt kurz verloren geht, wird meistens von den Begleitern schnell wieder gefunden, Telefon sei Dank. Anders ist es, wenn das Sich-kurz-Verlieren entweder Punkt 1 oder Punkt 2 nach sich zieht, oder das Wetter so umschlägt, dass ein Wiederfinden unmöglich wird. Gerade bei schnell einsetzenden Extrembedingungen kann die Situation eskalieren, neben fehlender Sicht wird bei starkem Wind auch die akustische Kommunikation unmöglich. Anfang Februar ist ein erfahrener Tourengeher als Resultat sich rapide ändernder Bedingungen tragisch erfroren.

 

Warum waren aber die Lawinen weniger Thema? Einerseits beschleunigt das Eigengewicht der Neuschneemassen die Setzung – so war nach 15 Tagen mehr oder weniger andauerndem Schneefall und der damit verbundenen Lawinenwarnstufe 4 und 5 in der Steiermark nach einigen Tagen moderater Temperatur und Sonne die LWS wieder bei 2. Die Situation hat sich also schnell beruhigt. Und andererseits, und das macht Hoffnung, die Menschen brauchen keine geifernden Medien um zu verstehen, dass bei anhaltend starkem Schneefall, starkem Wind, und nicht mehr als einem halben Meter Sicht hochalpine Räume kein guter Platz für entspanntes Skitourengehen oder Freeriden ist.

 

Fazit

Ist nun nach Lektüre dieses Textes die Hemmschwelle, mit dem Skitourengehen zu beginnen, gesunken? Wahrscheinlich nicht. Allerdings ist hoffentlich das Bewusstsein schärfer geworden, dass man beim Skitourengehen eine Vielzahl an Faktoren beachten muss. Faktoren, die eigentlich logisch erscheinen und derentwegen man nicht in Panik sondern nüchterne Aufmerksamkeit verfallen sollte. Es wird nun nicht ein altes Sprichwort, demnach zu Tode gefürchtet auch gestorben sei, bemüht, sondern darauf hingewiesen, dass vor allem im Anfängerbereich die Anreise zur Skitour gefährlicher sein kann als die Tour selbst. Skitourengehen ist wunderschön, deshalb machen es ja so viele Menschen.

 

Über den Autor

Stephan Skrobar ist staatlich geprüfter Skilehrer und Skiführer und Alpinausbildner für den steirischen Skilehrerverband. Gemeinsam mit Peter Perhab leitet er das ‚Die Bergstation Freeride & Alpin Center‘. Stephan betreibt nebenher eine Kommunikationsagentur. Einer seiner engsten Freunde ist vergangenen Winter bei einer Skitour ums Leben gekommen. Dieses prägende Ereignis war Motivation für diesen Text.

(Dieser Artikel wurde für das SportAktiv Magazin geschrieben.)

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